Die Schweiz ist kein Windland
Der Windatlas des Bundesamts für Energie zeigt es deutlich: Die Schweiz liegt in einer der windschwächsten Zonen Europas.1 Während in Norddeutschland, an der französischen Atlantikküste oder in Dänemark kräftige und stetige Winde wehen, bleibt es im Mittelland und in den Voralpen über weite Strecken windstill.

2019 hat das Bundesamt für Energie einen neuen Windatlas veröffentlicht, gestützt auf 396 lokale Langzeit-Windmessungen – rund vier Mal mehr Daten als bei der Vorgängerausgabe von 2016. Das Ergebnis: «Gegenüber der Ausgabe von 2016 zeigt der Windatlas 2019 in den meisten Regionen leicht tiefere Windgeschwindigkeiten.» Die Datengrundlage wurde also besser – und das Bild ernüchternder.1
So viel aufgeben für so wenig Strom.
Wenig Wind bedeutet sehr wenig Strom
Eine Windturbine produziert nicht proportional zur Windgeschwindigkeit, sondern in deren dritter Potenz. Halb so viel Wind bedeutet also nicht halb so viel Strom, sondern nur noch einen Bruchteil. Genau deshalb wiegt der Standortnachteil der Schweiz so schwer: Schon ein etwas schwächerer Wind lässt den Ertrag einbrechen.
Das zeigt sich in der Praxis. Der Auslastungsgrad der bestehenden Schweizer Windparks lag 2019 zwischen 8 und 29 Prozent, im Mittel bei 21 Prozent über die Periode 2017 bis 2020. Das ist einer der tiefsten Werte Europas – der europäische Mittelwert liegt bei 26 Prozent. Ein Auslastungsgrad von 21 Prozent bedeutet: Die Anlage läuft rechnerisch einen Tag und steht danach fast vier Tage still.2
Waldrodungen lohnen sich nicht
Für jede einzelne Windkraftanlage im Wald muss eine Fläche von der Grösse eines Fussballfeldes gerodet werden. Dazu kommen Zufahrtsstrassen für Schwertransporte, Kranstellflächen und Fundamente aus Hunderten Tonnen Beton. Der Waldboden, über Jahrhunderte gewachsen, wird dabei unwiederbringlich verdichtet.

Diesem dauerhaften Eingriff steht ein Ertrag gegenüber, der wegen der schwachen Schweizer Winde ohnehin gering ausfällt. Das Verhältnis stimmt nicht: Wir geben ein intaktes Ökosystem auf und erhalten dafür wenig Strom, der zudem unregelmässig anfällt.
Ausserhalb des Waldes gibt es Platz
Die Initiative verbietet keine Windkraftanlagen. Sie verlangt lediglich, dass sie ausserhalb des Waldes gebaut werden. Und dafür ist in der Schweiz reichlich Platz.
Das Bundesamt für Energie hat das Windpotenzial der Schweiz 2022 neu berechnen lassen. Ergebnis: 29,5 Terawattstunden pro Jahr wären theoretisch möglich. Die Hälfte davon – 14,8 Terawattstunden – liegt im Wald. Die andere Hälfte, 14,7 Terawattstunden, liegt ausserhalb.3 Gerechnet auf die 4’439 Windturbinen, welche die Studie über die ganze Schweiz verteilt, entspricht die Hälfte ausserhalb des Waldes gut 2’000 Anlagen.
Diese zweite Hälfte allein entspricht rund einem Drittel dessen, was das Energiegesetz bis 2050 an Strom aus erneuerbaren Energien verlangt.4 Der Wald wird für die Energiewende also nicht gebraucht.
Wer Windkraft will, muss dafür also keinen einzigen Baum fällen. Die Wahl steht nicht zwischen Windkraft und Wald – sondern zwischen Windkraft mit und ohne Waldrodung.
Quellen
- Windatlas Schweiz 2019 – Windpotentialanalyse für Windatlas.ch. Bundesamt für Energie BFE / Meteotest AG, 3. Juni 2019. Schlussbericht als PDF (3 MB) ↩
- Auslastungsgrade Schweizer Windparks 2017–2020. Argumentarium Freie Landschaft Schweiz, Fiche Nr. 4, 19. Januar 2022. Argumentarium als PDF (11 MB) ↩
- Windpotenzial Schweiz 2022, Kapitel 3.1 und 3.2. Bundesamt für Energie BFE / Meteotest AG, 24. August 2022. Schlussbericht als PDF (304 KB) ↩
- Energiegesetz EnG, Art. 2 Abs. 1 (Fassung seit 1. Januar 2025): mindestens 45 000 GWh aus erneuerbaren Energien ohne Wasserkraft im Jahr 2050. fedlex.admin.ch ↩